dann kann er was erzählen! So sagt es ein altes Sprichwort, das allerdings bis heute sehr wahr ist. Dieses Mal möchte ich das aber sehr doppelsinnig verstanden wissen. Wir erkundeten nämlich die beiden aktuellen, zentralen Ereignisse der deutschen Keramik - wir reisten nach Höhr Grenzhausen ins Keramikmuseum Westerwald und ins Keramion Frechen. Und wir trafen dort auf so viele Geschichten, dass der Blog platzen würde wenn man sie alle erzählen wollte.
Auf beide Ausstellungen habe ich schon in einem vorausgegangenen Blogbeitrag hingewiesen - nun kommt sozusagen die persönliche Nachlese. Sehr bewusst habe ich es bisher vermieden, Zeitschriften- und Katalogbeiträge dazu zu lesen - mein spontaner Eindruck soll hier durch einige Fotos und Anmerkungen reichen. Es wird so viele Links geben, dass sich jeder interessierte Leser sich umfassend weiter infomrieren kann. Und über Kommentare, Zustimmung und Widerspruch freue ich mich natürlich gleichermaßen. Dazu ist ein Blog ja da!
Dieses Foto aus der Ausstellung zum Westerwaldpreis im Keramikmuseum Höhr-Grenzhausen spiegelt für mich das ganze Dilemma wieder:
Im Vordergrund sehen sie die Installation von Marie Torbensdatter Herman: "to the legion of the lost" ( http://mariehermann.dk/ ) vor der "Arche des Bildhauers" von Titus Lerner
http://www.laik.de/katalog/kuenstl/lerner/werke.htm und im Hintergrund die Installation "99 cent" von Barbara Gröbl http://www.barbaragroebl.de/ - der Blick über die Manufaktur der Serie, das bildhauerische Drama zur Konsumkritik.
Das Dilemma beinhaltet auch eine tiefe Verbeugung vor der Leistung der Jury, deren Auswahl wir diese eindrucksvolle Ausstellung zu verdanken haben. Sie traf auch die Entscheidung den Preis für das keramische Produktdesign nicht zu vergeben. Nicht, dass es das nicht gab. Aber die freie Kunst, Konzepte und Installationen, dominierte und drängelte unter den Bewerbungen derart, dass man die Preise lieber dort vergab.
Und damit sind wir wieder bei den zu erzählenden Geschichten. Alle wollen Geschichten erzählen, kommentierend, assoziierend, fantasierend - in jedem Fall faszinierend!
Gleich ob sie Bildhauer, freie Künstler oder im klassischen Sinne Töpfer sind: alle haben eine Geschichte parat. Die Jury wurde in die Situation gebracht die so genannten "Äppel mit Birnen" zu vergleichen. Lediglich die Kategorie-Definition der zu vergebenden Preise diente ihr als wackelige Krücke. Das alles verbindende Medium war der keramische Werkstoff: Ton, Porzellan, Glasur ...
Das bedeutet in der Konsequenz, dass jeder der diese Materialien verwendet berechtigt ist am Wettbewerb teilzunehmen. Ich stehe sicher nicht alleine mit der Frage: wo soll das hinführen?
Als ersten Eindruck vermittelte die Ausstellung eine völlig unüberschaubare Vielfalt und Beliebigkeit. Alle Themen sind vertreten und wurden auf hohem Niveau gewürdigt. Alles ist erlaubt, technisch wie thematisch - das ist die Botschaft. Da hilft nur die Nerven zu behalten und sich auf die Geschichten einlassen. Da gibt es dann viel zu entdecken - der hilflose Ausruf mancher Kunden bei craft2eu kam mir in den Sinn: "Ideen muss man haben!"


Die Installationen der Preisträgerinnen Beatrijs van Rheeden Installation ( http://www.beatrijsvanrheeden.nl/ , im Hintergrund eine hängende Figur von Silke Rehberg: "Wibke von Bonin, 2005" gebrannter Ton, engobiert, 140x50x60 cm ( http://mit-den-händen-sehen.de/kuenstler/rehberg/index.htm ) und die Installation Appollonia der Belgierin Marieke Pauwels (http://www.mariekepauwels.be/ )


Ein Blick in die Ausstellung mit dem Objekt "L'hamac" von Anna Gröber ( http://tinyurl.com/y8omz6y ) im Vordergrund sowie das Objekt "Navigation III" von Stefan Engel ( http://www.engelstefan.de/ )


Die gesellschaftskritische Installation "Celebrity Obsession" von Andrew Livingstone ( http://andrewlivingstone.com/ ) und das hängende Licht- und Schattenspiel von Jacob Stig Isaksen "Formwall" ( http://www.formstof.dk/ ), daneben die ornamentalen Objekte von Anita Manshanden ( http://www.anitamanshanden.nl/index.html)



Von der Klitzeklein-Plastik, die Gefühle zwischen Faszination und Grusel weckt, von Kirsten Brünjes ( http://www.kuenstlerinnen-bremen.de/kunst/bruenjes/ ) bis zu den Grüßen an die florentinischen höheren Töchtern der Renaissance, vermittelt durch die Haubenfrauen von Silvia Siemes ( http://www.siemes-rissler.info/ )


Variationen klassischer Kummenformen von Markus Klausmann ( http://www.markusklausmann.de/ ) und aufwendig im 5o'ger Jahre Look bemalte Vasen und Schalen von Carolyn Genders ( http://www.carolyngenders.co.uk/ )


Technische Rafinesse in reinster Form bei Tine Deweerdt "clay structures" oder Paula Bastiaansen o.T. das eher ohne Worte ( http://www.paulabastiaansen.com/ )
Diese Beispiele müssen reichen um deutlich zu machen, dass wir es in dieser Ausstellung nicht nur mit technischen Meisterwerken zu tun haben, auch in der Form, in der materiellen Verblüffung, in den Themen - eben in allem was keramisch machbar und möglich ist. Für viele Künstler, Keramiker spielt die Ästhetik eine ganz große Rolle, doch der klare Trend geht zu inhaltsreichen Installationen und Botschaften die direkt, theatralisch und/oder philosophisch, übermittelt werden. Je weniger man auf den ersten Blick versteht umso mehr steckt dahinter!
Nicht zu vergessen:
Den wunderbaren Katalog zum Westerwaldpreis gibt es übrigens auch im Worl Wide Web zu bestellen: http://www.keramikmuseum.de/index_ger.html


Ganz besonders gelungen finde ich die Objekte von Johannes Nagel Gefäße 2008 ( http://tinyurl.com/yas8dxk ) Seine Arbeiten stehen im Westerwaldpreis und sind sogar Preisträger des Frechener Keramikpreises. Sie behandeln keramische Ur-Themen, keramische Technik und angewandte Form - und machen daraus ein freies künstlerisches Objekt, eine Installation, Reihung, die ganz dicht an der Keramik bleibt - intellektuell und formal. Das ist brillant gemacht und weit weg von jeder Beliebigkeit.
Johannes Nagel kommt als Keramikkünstler aus der Schule der Burg Giebichenstein in Halle, die aktuell die ernst zu nehmende Avantgarde in der aktuellen Keramik stellt. Ihre Schüler sind hier wie dort, in Höhr-Grenzhausen und Frechen vertreten und haben dort auch alle Preise gewonnen.
Natürlich sind wir auch ins Keramion nach Frechen gefahren um zu schauen was die Jugend so macht. Hier lag es in der Natur der Sache, dass die künstlerische Keramik von vorne herein dominierte. Die Bewerber für den Frechener Keramikpreis werden von Juroren vorgeschlagen und aus diesem kleinen erlesenen Kreis der Auserwählten werden die Preisträger gekürt. Keiner darf älter als 35 Jahre alt sein.



Yvonne Brückner, Johannes Nagel und Hwa Yoon Lee sind die Preisträger 2009 des Frechener Keramikpreises. Sie lieferten alle drei wunderbar konzipierte keramische Werke ab, die in sich schlüssig waren und inhaltlich wie ästhetisch einiges hergeben. In dem schmalen Katalog zum Keramikpreis werden all Preisträger und Teilnehmer sehr genau vorgestellt. Man kann diesen über das Keramion Frechen http://www.keramion.de/
bestellen oder selber hinfahren: es lohnt sich, denn auch das Keramion selbst, in seiner Architektur einer Drehscheibe nachempfunden, ist eine schöne Bühne für diese Ausstellung junger Kunst.



Vasen - Gefäß oder Plastik? - von Juliane Herden http://julianeherden.blog.de/


Jong Hyun Park - die Plastikspielzeuge zum zusammen bauen standen Pate für die Objekte des jungen Keramikers aus Korea, der an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studiert.



Ein Blick durch den Ausstellungsraum, der Innen und Aussen verwebt.
"Die Prinzessin auf der Erbse" von Anne Kückelhaus und andere Arbeiten scheinen aus (Alb)Träumen entsprungen zu sein. www.juliagarnatz.com
Birgit Saupe, Absolventin der Kieler Muthesiusschule, setzt ihre Traum-Welten auch mit hochglänzenden Porzellanfigurinen in Szene.



Den figuratibven Arbeiten von Regine Bruhn haftet ein mittelalterliches Flair an - sie sind natürlich aber auch phantastisch. Die Schlechte Laune Monster steigen aus den Pilzköpfen aus und wo kriechen sie dann hin?

Kröte, Chamäleon und Krokodil sind nur getrocknet - sie hängen wie Präparate an der Luft und zerfallen langsam - eine makabre Demonstration der Vergänglichkeit. Regine Bruhn studiert ebenfalls an der Muthesius Schule Kiel und ist Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes. http://bruhn.animax-e.com/pilzmodelle.html
Wer sich über die Avantgarde der künstlerischen Keramik auf dem Laufenden halten möchte sollte auch das Programm des Forum für zeitgenössische Keramik Halle
http://www.forum-fuer-zeitgenoessische-keramik.de/ im Auge behalten.
Das Forum zeigt keramische Plastiken, Objektkunst und Rauminstallationen. Neben Ausstellungen von renommierten Künstlern, die innerhalb der zeitgenössischen Keramik eine eigenständige Position einnehmen, ist es das Hauptanliegen des Forums, Einzelausstellungen von jungen Künstlern auszurichten, die neue Tendenzen in der Keramik aufzeigen. Aktuellen Diplomarbeiten soll Raum für eine Präsentation geboten werden.
Das soll es erst einmal sein. Wir haben natürlich noch viel mehr gesehen und gehört. Aber für heute muss das reichen. Vielleicht kommt diese Woche noch ein "Nachschlag" - nächste Woche bin ich in London - harte Zeiten für Blogger und Blogleser!!!
