Hamburgunddesign http://www.hamburgunddesign.de hatte gestern Abend gemeinsam mit dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg http://www.mkg-hamburg.de/mkg.php/de/specials/ den niederländischen Designer Gijs Bakker http://www.gijsbakker.com/ eingeladen, über das Verhältnis von Handwerk und Design in den Niederlanden zu sprechen.


Der junge Gijs Bakker damals und der immer noch junge Gijs Bakker heute.
"Gijs Bakker ist Schmuckkünstler, Designer, Professor der Design Akademie Eindhoven www.designacademy.nl , Mitbegründer des Designer Kollektivs Droog http://www.droog.com/ und Initiator der Schmuckkooperative "Chi ha paura...? http://www.chihapaura.com/ Er ist Produktdesigner und Ideengeber, der Funktionen überdenkt und zum Umgang mit neuen Materialien anregt. Als Vortragender hochgeschätzt, lehrt er an Hochschulen in Europa, Asien und USA." So waren die Einführungsworte von Dr. Rüdiger Joppien, denen er im Laufe des Abends noch viele weitere ausgreifende Lobhudeleien (im positiven Sinn!) folgen ließ, denn Gijs Bakker gehört eher zu den bescheidenen Menschen, wenn es darum geht von den eigenen Taten zu berichten.
Wobei das auch nicht ganz stimmt, denn genau genommen hat Gijs Bakker das Thema verfehlt. er beschrieb in seinem einstündigen Vortrag in großen Zügen sein bisheriges Lebenswerk ohne allzusehr ins Detail zu gehen. Na gut, er sagte, dass es in Holland keine wirklich nennenswerte kunsthandwerkliche Tradition gäbe... korrigierte sich weil ihm einfiel, dass der Blick auf die niederländische Keramiktradition und das Textile Erbe so eine Behauptung eindeutig widerlegt. Aber es ging ihm darum festzustellen, dass, anders als in England, wo "crafts" bis heute eine große Rolle spielt, in Holland immer eher konzeptionell gedacht wurde. Wenig Platz, wenig Natur und viele Menschen auf kleinem Raum - das machte und macht sehr erfinderisch.
Erst die Fragen aus dem Publikum konnten ihm eine genauere Aussage zum Verhältnis von Handwerk und Design abringen. Leider gehört er doch zu jenen, die gerne noch die Kunst, das Design, das Kunsthandwerk in getrennte Kanickelställe sperren - und das obwohl er selbst zu den geradezu beispielhaften cross-over Denkern gehört. Es leitet ihn vielleicht die Verwechslung mit der Qualität, dass er seine Kritik des Kunsthandwerks mit dem Fokus auf den Durchschnitt begründet. Es gibt auch durchschnittliche Künstler oder Designer.
Gijs Bakker sagt, dass die Designer einen offenen, unverstellten Blick auf die Dinge haben und sich überall das Detail oder die Anregung herauspicken, die Potentiale zu haben scheint. Diese verknüpfen sie dann mit neuen Assoziationen, neuen Ideen und/oder neuen Technologien. Dem Kunsthandwerk allein spricht er diese Fähigkeit ab.
Betrachtet man die jüngsten Entwicklungen, zeigen diese, dass viele Kunsthandwerker ihre handwerkliche Ausbildung durch ein Designstudium, durch Praktika im In- und Ausland, ergänzen, was sie phänomenal qualifiziert. Die Werdegänge (CVs) vieler Protagonisten fordern allen Respekt - da wird unglaublich viel Zeit und Qualität in die Ausbildungen gesteckt. Mit welcher Perspektive?
Junge Designer bekommen heute fast keine Jobs mehr in der Industrie - sie müssen ihre eigenen kleinen Label gründen, selbst entwerfen, selbst herstellen, selbst vermarkten - alles in einer Hand - wie die Kunsthandwerker schon immer. Erfolge solcher Initiativen wie Designers open oder Blickfang beweisen, wie weit verbreitet das inzwischen ist. Und durchaus auch zu eienr Weltkarriere führen kann.
Was meint Gijs Bakker zum Trend "Unikatdesign"? Er sagt das sei die "Haute Couture" des sonst doch eher pragmatisch agierenden Designs. Dort werden die Trends gesetzt, die dann im Laufe der Zeit die Massen kompatiblen Produkte beeinflussen. Das Kunsthandwerk hat auch seine "Haute Couture", die gerne auch mal vom Design vereinnahmt wird, weil es wirklich sehr authentisch, besonders und individuell ist. Diese Vokabeln hätten die Vermarkter des aktuellen Premiumdesigns zumindest gerne für sich gepachtet.
Später beim Abendessen http://www.restaurant-cox.de/ wurde ganz schnell klar, dass Gijs Bakker es garnicht so auf all diese Einordnungen ankommt. Er selber arbeitet intuitiv voran. Im Sommer diesen Jahres hat er sich aus dem Vorstand von DROOG verabschiedet. Für ihn war immer die Kreativität und Originalität des von DROOG http://www.droog.com/ vertretenen Designs das Wichtigste, die Entdeckung und Zusammenarbeit mit talentierten, jungen Designern.
Nun hat DROOG in New York http://www.droog.com/outlet/droog-new-york/ für sehr viel Geld eine Art "flagshipstore" eröffnet und der kommerzielle Aspekt wurde ihm zu stark - für ihn ein Grund zu gehen. Das nenne ich Idealismus. Den kann sich Gijs Bakker als Designer und Künstler, als Professor und international begehrter Referent und Berater auch leisten. Er räumte ein, dass generell die meisten, auch die viel beachteten, kreativen Initiativen, Aktionen und Events genauso wie die Lebensphilosophien ihrer Protagonisten vor allem auf idealistischer Behauptung beruhen - um die Stabilität des ökonomischen Gerüstes kümmeren sich die wenigsten.
Heute arbeitet Gijs unter anderem an einem gemeinsamen Projekt mit 60 Designern aus Taiwan, bei dem es um das Selbstverständnis der Taiwanesen in diesen Dingen geht. Er unterstützt sie darin, sich zuerst auf ihre kulturellen Wurzeln zu besinnen um wohlmögliche Traditionen als Inspiration für modernes aber spezifisches Design aus Taiwan zu nutzen. Vermutlich wird man erste Ergebnisse dieser Zusammenarbeit 2010 auf der Mailänder Messe sehen.
Nichts fürchtet er mehr als die Gleichmacherei der Globalisierung.
Für sich selbst lässt er alles offen und lacht die immer wieder kehrende Frage nach eigenen Plänen aus. Nichts wird verraten. Immer ist er seinem Instinkt gefolgt, hat Trends gesetzt um sie auch ganz schnell wieder zu verlassen. Andere haben seine Anregungen wie Bälle aufgefangen, gespielt und weiter gekickt - da hatte er schon längst die nächste Idee. Er behauptet sogar, dass es ihn nie wirklich interessiert hätte zu verfolgen was aus all seinen Ideen dann im einzelnen geworden sei. Das neue Jetzt ist immer das Aufregendste. Nennt man so jemanden einen Visionär? Der gerne gut isst und gerne gut trinkt (und dabei memerkenswert bella figura macht)? Der es immer verstanden hat, seine Unabhängigkeit und Freiheit als Designer und Künstler zu bewahren? Der die Welt und ihre Menschen entdeckt, ganz offen, ganz unvoreingenommen? Der allem mit einem wunderbaren Humor begegnet?
Alles ganz einfach und unkompliziert - das war eine gute Begegnung!
Noch mehr zu Gijs Bakker:
http://www.galerie-stuehler.de/bakker/bakker_01.html
Pinakothek der Moderne, München http://tiny.cc/fZKRb
http://www.chihapaura.com/
Wirklich ein toller Typ und ja... ein Visionär!!!